09.03.2022
Makro ohne Makrolinse
Ich habe im Nachgang zu einem Foto, das ich kürzlich auf Reddit gepostet habe und meinem letzten Blogpost die eine oder andere Frage dazu bekommen, ob ich genauer auf das Equipment eingehen könnte, das ich für die Fotos benutzt habe.
Und da meine Liebste gerade ohnehin zuhause in Quarantäne steckt (zum Veröffentlichungszeitpunkt zum Glück den letzten Tag), isoliere ich mich aus Solidarität mit ihr zusammen, so lange ich nicht zur Arbeit muss.
Das bedeutet, dass ich sehr viel Zeit in der Wohnung verbringe, und nicht im Grünen.
Ich gestehe, deshalb habe ich unsere Wohnung als „kein Bestandteil des Hannoverschen Stadtgebiets“ definiert, damit ich, wenn ich mich schon an drinnen binde, wenigstens ein anderes Objektiv benutzen kann, als das Nikkor 50mm f1.8, auf das ich mich ja eigentlich für 4 Wochen beschränken wollte.
Deshalb ist das oben angesprochene Foto entstanden und deshalb gibt es heute einen etwas tieferen Einblick in meine, zugegeben recht unbeholfene, Makrofotografie.
Nimm meine Erfahrungen und Erläuterungen ruhig mit einem Gramm Salz, denn ich betreibe die Makrofotografie weder besonders häufig noch intensiv. Das ist alles mehr so ein Rumprobieren ohne Anspruch auf Perfektion.
Ich will hier keine Anleitung zum perfekten Makro-Foto verfassen, ich will ja insgesamt eigentlich gar nicht technisch werden.
Das hier ist nur ein bisschen Rumexperimentieren und Neugier stillen und das mit dir, verehrtem Leser, teilen, auf dass es dich inspirieren möge, dich aus deiner Komfortzone zu entfernen und etwas Neues auszuprobieren.
Dieses Foto habe ich vor einigen Tagen auf Reddit gepostet.
Es ist eine Makroaufnahme der Taschenuhr, die ich einst von meinem Großvater geerbt habe.
Sie hat schon ein paar Spuren der Zeit, aber ich finde, das trägt durchaus zum Charakter bei.
Vor einigen Jahren schon habe ich mir mal einen sogenannten Retroadapter für unsere Nikon D-Kameras zugelegt, der auf das 18-105mm Nikkor Kit-Objektiv passt, einfach, um mal mit geringem Kapitaleinsatz eine neue Technik ausprobieren zu können.
Denn während wirkliche Makro-Linsen fix mal mehrere hundert Euro kosten, ist ein solcher Retroadapter schon für rund 10 € zu haben. Für einen tieferen Griff in's Portemonnaie gibt es auch "smarte" Adapter, die die elektrische Verbindung zwischen Linse und Gehäuse aufrecht erhalten und so sogar Autofokus ermöglichen. Teuer, aber immer noch günstiger, als ein neues Objektiv.
Da akzeptiere ich auch die Unzulänglichkeiten, die ein solcher Adapter im Vergleich zu einem Makro-Objektiv mit sich bringt.
Die Fotos des Equipments habe ich übrigens mit meiner X-T3 und der 50mm Festbrennweite aufgenommen. Schließlich befinde ich mich noch in meinem 4-wöchigen „Ich beschränke mich auf die 50mm 1.8 Linse“ - Experiments. Und auch wen ich mir erlaube, für die Makro-Gehversuche eine andere Brennweite zu nutzen, will ich es ansonsten so gut ich kann verfolgen.
Der Adapter hat auf einer Seite ein Filtergewinde, das passend zum Objektiv gewählt werden kann. Alternativ kann man aber auch Step-Up- oder Step-Down-Ringe verwenden.
Die andere Seite des Adapters bietet das zur Kamera passende Bajonett, in meinem Fall Nikon F.
Der Adapter wird einfach vor das Frontelement geschraubt, wie ein Filter.
Schon lässt sich das Objektiv verkehrt herum an das Kameragehäuse montieren.
Es gibt als weitere Alternative übrigens auch ganz einfache „Extension Tubes“, zu gut Deutsch Verlängerungsringe, die zwischen Objektiv und Kameragehäuse gesetzt werden. Diese Ringe verschieben den Fokussierbereich des Objektivs so, dass man dichter an das Objekt der Begierde heranrücken kann. Die minimale Fokus-Distanz wird massiv reduziert.
Ein Retroring tut in etwa das gleiche, allerdings sorgt die umgekehrte Ausrichtung des Objektivs darüber hinaus für eine irre Vergrößerung.
Lustigerweise ändert sich die Abbildungsgröße kaum, wenn man den Zoom des Objektivs nutzt. Im Wesentlichen verschiebt auch das nur die minimale Fokus-Distanz. Je größer die Brennweite, desto näher kann man an das Subjekt heran und umso größer kann man es abbilden.
Was genau hier auf optischer Ebene passiert, kann ich dir leider nicht erzählen. Auf YouTube gibt es dazu aber reichlich Material.
Ich habe hier mal zum Vergleich möglichst große Nahaufnahmen gemacht, um zu zeigen, wie mein 18-105mm bei 105mm, mein 70-300mm bei 300mm und das 18-105 mit Retroadapter bei 105mm im Vergleich zueinander die Taschenuhr abbilden.
Als Fotobox dient mir dabei mein Fotoschrank, in dem ich einfach eines der Fächer ausgeräumt habe.
Die Funktion hatte IKEA bestimmt nicht auf dem Schirm!
Als „Studiobeleuchtung“, um mir das Fokussieren zu erleichtern, habe ich eine Taschenlampe liegen, während ein Blitz für ausreichend Belichtung während der Aufnahme sorgt.
Zum Vergleich mache ich eine Aufnahme mit dem 18-105 mm Objektiv bei 105 mm.
Immerhin 20 cm nah komme ich an die Taschenuhr heran
Die Vergrößerungswirkung ist zwar schon nicht schlecht, aber noch weit von "Makro" entfernt.
Mit dem 18-105mm Objektiv kann ich auf respektable ~20 cm an die Taschenuhr heranrücken. Damit bekomme ich die Uhr schon recht groß abgebildet.
Zugunsten einer relativ hohe Tiefenschärfe habe ich f14 als Blende gewählt, muss dafür aber den Blitz benutzen, um genug Licht auf den Sensor zu bekommen. Ich könnte auch länger belichten, aber das birgt die Gefahr von Bewegungen der Kamera während der Belichtung.
Mit f14 wird die Uhr auf dem Bild insgesamt akzeptabel scharf.
Um eine sauberere, schärfere Abbildung zu bekommen müsste ich mit weiter geöffneter Blende mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Fokuspunkten aufnehmen und einen Fokusstapel machen. Das führt mir für den heutigen Einblick aber etwas zu weit.
Mein 70-300 mm Objektiv bietet zwar eine weitaus längere und damit vergrößerndere (ist das überhaupt ein Wort?) Brennweite, birgt aber einige Nachteile.
Um die Uhr überhaupt fokussieren zu können, muss ich knappe 80 cm von ihr entfernt sein.
Damit geht der Vorteil der größeren Brennweite beinahe vollständig verloren.
Mit dem 300mm-Objektiv kann ich zwar theoretisch näher an die Uhr heranzoomen, leider muss ich die Kamera aber aufgrund einer deutlich größeren minimalen Fokus-Distanz wesentlich weiter vom Subjekt zurück rücken und habe nun fast einen Meter Abstand zwischen Linse und Uhr.
Das sorgt im Umkehrschluss leider dafür, dass der Vergrößerungsvorteil der langen Brennweite nahezu komplett verloren geht, wie man im direkten Vergleich sieht.
Der Retroring eröffnet ganz neue Möglichkeiten
Die minimale Fokusdistanz schrumpft auf gerade einmal knapp 5 cm!
Gepaart mit der Umkehrung der Linse erhalte ich so eine überwältigende Vergrößerung!
Der Retroring hat ein Filtergewinde und kann einfach in das passende Gewinde an der Linse geschraubt werden. Auf seiner Rückseite hat er ein Nikon F-Bajonett, durch das das Objektiv in umgekehrter Richtung an das Gehäuse gesetzt werden kann.
Bei maximal ausgefahrenem Objektiv schrumpft die minimale Fokus-Distanz auf gerade mal 5 cm.
Gepaart mit einer gewaltigen Vergrößerung (die Menschen, die schlauer sind, als ich, bestimmt auch beziffern können) sorgt das für beeindruckende Ergebnisse. Und das für gerade mal 10 € monetärem Risiko? Das gönn‘ ich mir.
Mein Objektiv hat einen kleinen Blechlappen am eigentlichen Objektivbajonett, über das die Blendenöffnung gesteuert wird.
Dieser lässt sich mit etwas Klebeband fixieren, um eine lächerlich geringe Tiefenschärfe zu erreichen. Ich habe ihn aber nicht angerührt und die Blende damit so weit geschlossen gelassen, wie möglich, was wiederum für einen möglichst großen scharfen Bereich in einer einzelnen Aufnahme sorgt.
Natürlich muss ich auch dafür erneut den Blitz benutzen.
Ein geringer finanzieller Aufwand und etwas Experimentierfreude, und schon kann man sich auch in der Wohnung eine ganze Weile beschäftigen und einige beeindruckende Fotos aufnehmen. Genau das Richtige für Schlechtwetter-Tage...oder Quarantäne.
Wenn du durch meinen Artikel selbst Lust bekommen hast, das ganze mal auszuprobieren, würde es mich freuen, die Ergebnisse auf Instagram oder Reddit sehen zu dürfen! Ich bin gespannt, was so alles entsteht!