11.03.2023 - Wie jetzt, Polarlichter in Niedersachsen?
Ja, tatsächlich!
Das gab’s letzte Woche ausgiebig zu lesen!
Und weil ich mit dem Tippen immer nicht so fix bin, kann mir auch keiner vorwerfen, nur fix die Interessen-Welle für Traffic abgreifen zu wollen. Ha!
Was war passiert?
Ich war gerade auf dem Weg von der Arbeit nachhause, als meine Schwiegermutter mich anrief und mir berichtete, die Nachrichten sprechen von ungewöhnlich hoher Sonnensturm-Aktivität und es gäbe wohl die Chance, selbst hier bei uns in Deutschland Nordlichter zu sehen, wenn man nur eine Ecke findet, die dunkel genug ist.
Ich möchte kurz abschweifen (das liegt in meiner Natur und ich schäme mich für nix!).
Im Winter 2017-18 sind meine Teuerste und ich als Hochzeitsreise tatsächlich genau über den Jahreswechsel nach Island geflogen. Einerseits, um das Albumcover von „Wanderer“ der Thüringer LärmInstanz Heaven Shall Burn quasi persönlich aufzusuchen, aber andererseits genau dafür: um Nordlichter zu sehen. Weil das wirklich magisch aussieht, wenn man’s auf Fotos sieht, und da gilt es, zu prüfen, wie viel Wahres da dran ist.
Randnotiz: Island ist im Winter wirklich, wirklich kalt. Nicht allein der Temperatur wegen, die mit -14°C zwar schon recht sportlich war, aber durchaus unterbietbar ist. Nein, es ist der verdammte Wind!!!
Wie dem auch sei, gibt ja Handschuhe dagegen.
In jedem Fall sind wir also nach Island geflogen und über eine Insel, die wunderschön ist, aber immer nach Pups, riecht mit unserem Mietwagen nach Selfoss gefahren, wo unsere erste Unterkunft war.
Ich hatte eingangs erwähnt, dass Dunkelheit hilft, Polarlichter zu sehen. Im Winter auf Island…wirklich kein Problem.
Wir waren erschöpft von der Anreise, aber als wir abends aus dem Fenster schauten, war das schlagartig völlig egal.
Da waren sie. Grüne, tanzende Lichter, die sich einmal über den Himmel erstreckten.
Direkt an unserem ersten Abend!
Also haben wir uns nochmal dick und warm angezogen und sind rausgegangen.
Zur Selfosskirkja.
Zum Glück mit einer Kamera, um ein paar Fotos aufzunehmen, was glücklicherweise geklappt hat.
Wobei die ersten Schüsse wirklich grausig aussahen, aber nach einem bisschen Probieren haben die Einstellungen gestimmt.
Fast so schön, wie auf'm Plattencover: Der Krikjufell mit einer lausigen Handykamera aufgenommen
Eine der ersten Auslösungen war einfach nur der Versuch, irgendwas hinzubekommen.
Die Sellfosskirkja mit Nordlichtern dahinter. Ich erinner' mich noch an die Kälte...
Nikon D5200 | 30 mm | f4.2 | 5s | ISO640
Nikon D5200 | 40 mm | f4.5 | 5s | ISO640
Nikon D5200 | 18 mm | f3.5 | 5s | ISO640
Das Erlebnis war - Achtung, das klingt jetzt ein bisschen kitschig – echt magisch.
Aber im Ernst, es war wirklich verzaubernd.
Zurück zum Abend, als meine Schwiegermutter mich angerufen hatte.
Nach der Nachricht musste ich gar nicht lange nachdenken!
Fix die Gattin kontaktiert und grobe Pläne geschmiedet:
Versuchen wir’s? Klar versuchen wir’s! Wird 'ne kurze Nacht, aber die Chance gibt’s echt nicht oft!
Also nachhause, schnell teeren und federn, die Schwiegereltern einsacken und ab ins Auto, Richtung Norden. Essen klären wir unterwegs.
Drei Dinge sind für so eine Aktion wichtig:
Eine hohe geomagnetische Aktivität, wie bereits erwähnt dunkler Himmel und - irgendwie naheliegend - wolkenfreier Himmel.
Wir haben also den KP-Index gecheckt und anschließend auf zwei unterschiedliche Karten geblickt.
Ich möchte hier nicht zu sehr in's Detail gehen, wie der KP-Index ermittelt wird, wie das Magnetfeld der Erde dabei beeinflusst wird und so weiter. Da müsste ich entweder viel kopieren und einfügen oder schlicht gefährliches Halbwissen verbreiten, und das möchte ich beides nicht. Ich verlinke dir lieber die Informationsquelle, die vermutlich für die Hälfte meines Abiturs verantwortlich ist:
Wikipedia, mit dem Artikel zum KP-Index
Eine gute Website, um den KP-Index nachzuschlagen ist die des Deutschen GeoForschungsZentrums in Niemegk.
Stark vereinfacht und für unsere heutigen Zwecke ausschlaggebend lässt sich sagen:
Je höher der KP-Index, desto höher die Polarlichtaktivität und desto weiter südlich hat man Chancen, sie zu sehen.
Für die kommende Nacht war ein Wert von zwischen 6 und 7 angesagt, wobei die Skala von 0 bis 9 reicht und man ab einem Wert von 5 von einem geomagnetischen Sturm spricht. Von der Seite her sah es also ziemlich gut aus.
Über eine Karte, die die „Lichtverschmutzung“ angibt, auf der Website Light Pollution Map haben wir ermittelt, wo es zumindest in näherer Umgebung am dunkelsten ist.
Als Lichtverschmutzung bezeichnet man das Licht, das von künstlichen Lichtquellen abgestrahlt wird und den Nachthimmel in der Weise erhellt, dass keine völlige Dunkelheit mehr herrscht.
Aus diesem Grund sind in der Stadt auch nur so wenige Sterne zu sehen, selbst bei klarstem Himmel, wohingegen man bei völliger Dunkelheit tief auf dem Land mehr Sterne sieht, als man zu zählen vermag.
Schön formuliert, oder?
Ist aber auch so.
Als dritte Informationsquelle haben wir dann eine Wetterkarte genommen, um zu schauen, wo was für Wolken unterwegs sind.
Aus den Ergebnissen ergab sich für uns für einen Wochenabend und der damit verbundenen Fahrzeit vor dem Hintergrund, am nächsten Tag früh aufstehen und arbeiten zu müssen also:
Nienburg. Da ist ein großes Moor, viel Platz zu den nächsten Städten Richtung Norden und damit geringe Lichtverschmutzung und dem Wetterbericht nach (der ausnahmsweise mal korrekt war) sollte da auch klarer Himmel sein.
Schon während der Fahrt haben wir viel in den Himmel geschaut.
Und nach einigem Suchen haben wir tatsächlich einen ganz schönen Platz gefunden, von wo aus wir Ausschau gehalten haben.
Mit bloßem Auge war ein Schimmer zu erkennen, ganz, ganz leichtes Grün.
Wir waren uns nicht sicher, ob das Lichtverschmutzung der nächsten Städte war, oder tatsächlich Polarlichter.
Mila hat aus Neugier ihr Telefon gezückt und hat einfach ein Foto im Nachtmodus gemacht. Darauf war dann deutliches Grün und ein Hauch Rot zu erkennen!
Mit meiner X-T3 auf dem Stativ habe ich einige Langzeitbelichtungen gemacht, einige Aufnahmen mit der Landschaft und den wunderschönen, wenn auch schwachen Lichtern, aber auch ein schönes Familienfoto, auf dem man nicht ahnen mag, dass wir nur gerade so ein bisschen Grün sehen konnten.
Und auch wenn wir keine intensiven, tanzenden Lichter gesehen haben, sondern nur einige Schimmer, die sich langsam über den Himmel bewegten, war es ein schönes, kleines Familienabenteuer und ein besonderer Abend.
Denn wir haben Nordlichter gesehen.
In Niedersachsen.
Abgefahren.
Mila's Handyfoto. Qualitativ knapp über meinem Cat S41, aber das gab uns Sicherheit, dass hier was passiert!
Zuerst war auch auf der Langzeitbelichtung nur der grüne Schimmer zu sehen.
Fuji X-T3 | 26 mm | f4 | 40s | ISO1000
Aber etwas Geduld hat uns - zumindest in der Langzeitbelichtung - schöne, rote Polarlichter beschert.
Fuji X-T3 | 16 mm | f8 | 60s | ISO1000
Familienausflug in's Moor
Fuji X-T3 | 16 mm | f8 | 60s | ISO1000