19.06.2022
Fünf Schritte zurück - Liebe Grüße an Oma!
Ich habe, seit ich auf Digital umgestiegen bin, nie wieder einen Gedanken daran verschwendet, die analoge Fotografie nochmal anzugehen.
Warum auch? Ich habe mit der manuellen Einstellung meiner digitalen Kamera ja alle Herausforderungen, die mir analoges Fotografieren stellt, gepaart mit den Vorzügen einer Live-Vorschau und einem umgehenden Ergebnis, bei dem ich auf den Erfolg kontrollieren und bei Bedarf ohne Risiko korrigieren kann.
Und ich kann mitten im Prozess die ISO bzw. nach alter Bezeichnung ASA wechseln und bin nicht einen ganzen Film lang an eine Empfindlichkeit gebunden.
Warum sollte ich also ein Verfahren wieder aufgreifen, das teuer, langsam und risikobehaftet ist?
Weil ich Geburtstag hatte.
Weil ich Geburtstag hatte und meine Mutter mir ein wirklich schönes Geschenk gemacht hat:
Eine Balda Juwella aus (sofern meine Recherchen stimmen) dem Jahr 1938.
Zusammengefaltet ist sie tatsächlich recht kompakt
Ein Knopfdruck und die Kamera - Achtung, Flachwitz: entfaltet ihre ganze Schönheit
Es fühlt sich an, als wäre die Kamera gebaut worden, um in Portrait-Orientierung genutzt zu werden.
Die Kamera gehörte meiner Großmutter und hat meiner Mutter zufolge viele, viele Urlaubsreisen begleitet.
Ich hab‘ etwas übrig für alte Technik, Ingenieurskunst und traditionelles Handwerk.
Ich arbeite nicht umsonst in einer kleinen Schmiede und habe auch an meinem Meisterstück (das kannst du dir hier angucken) noch einige Ornamente mit Feuer, Hammer und Amboss hergestellt.
Und so kommt es, dass mich diese alte Balgenkamera fasziniert und ich zumindest versuchen will, ob sie noch ihren Dienst tut.
Es war sogar noch ein Schwarz-Weiß-Film eingelegt, der die letzten…ich kann nur schätzen…15? 20 Jahre vielleicht? nicht mehr beachtet wurde.
Ob hier noch Erinnerunge drauf festgehalten sind? Ich hoffe, der Film lässt sich noch entwickeln...
Ich habe ein bisschen recherchiert, ob es noch möglich ist, solche Filme entwickeln zu lassen und habe voller Freude feststellen können: Ja! Selbst in der freundlichen Drogerie von nebenan! Oder in einem Fotostudio, das diesen Service noch anbietet.
Ich werd' den Film in den kommenden Tagen mal zur Entwicklung geben und bin gespannt, ob da noch etwas verwertbares drauf ist.
Ich habe die Kamera erstmal auf Funktion geprüft, soweit ich das so konnte, also Schieberegler, Knöpfe etc. bewegt und geschaut, ob sie tun, was sie sollen. Die Blendenöffnung kontrolliert, und ob die Lamellen der Blende sich einwandfrei bewegen.
Ich habe die Linsen soweit ich konnte gereinigt und bis auf ein paar Flecken auf der Beschichtung auch hier keine größeren Mängel festgestellt. Also gilt es jetzt, herauszufinden, ob die Kamera auch noch Fotos aufnimmt, wenn man sie benutzt, wie man soll.
Ich habe einen neuen Film gekauft - erstmal einfach Schwarz-Weiß, ISO400 - damit ich nicht allzu viel Geld riskiere, sollte doch etwas nicht klappen, und bin heute mit dem Faltenbalg vor die Tür gegangen.
Das war ganz schön spannend!
Zwei Dinge haben mich besonders gefordert:
die korrekte Belichtung finden und eine Komposition korrekt einzurichten.
Um die gewünschte Belichtung zu finden hab' ich einerseits eine App getestet, die einen Belichtungsmesser darstellen soll, und zur Sicherheit meine X-T3 als Belichtungsmesser genutzt, will heißen: ISO400 eingestellt und dann mit der Blende geschaut, ob ich eine der drei möglichen "automatischen" Belichtungszeiten 1/25 s, 1/50 s oder 1/100 s erreichen kann.
Ob das, und auch ob meine Versuche der Komposition geklappt haben...das werd' ich erst sehen, wenn ich den Film vom Entwickeln zurück habe.
Eine neue Rolle, erstmal nur zum Testen.
Geladen und entsichert
Ich nehme mir zwar auch, wenn ich digital losziehe vor, überlegt zu fotografieren, mir Zeit zu nehmen und nicht inflationär drauflos zu knipsen…einerseits, damit ich bewusster an die tatsächliche Aufnahme eines Fotos herangehe, andererseits, um einer potentiell unendlichen Datenflut entgegen zu wirken.
Ich hab' einfach keine Lust, stundenlang filtern zu müssen um aus einer Reihe nahezu identischer Aufnahmen die eine oder zwei herauszupicken, die es wert sind, entwickelt zu werden.
Aber unter diesen Bedingungen war das ganze nochmal etwas verschärft und ich habe wirklich jedes Mal viel Zeit drauf verwendet, wirklich das Motiv zu finden, das ich möchte, bevor ich abgedrückt habe.
Bei einem Preis von 10€ für eine einfache Rolle Schwarz-Weiß-Film – bei Farbe können es gern 12-20€ sein – da kostet mich mit meinem neuen alten analogen Schmuckstück die einzelne Auslösung bei gerade mal 8 pro Film schon zwischen 1,25 und 2,50€. Und davon ist noch nichts entwickelt, gescannt oder bearbeitet, von einem möglichen Druck mal ganz zu schweigen.
Unterm Strich ist analoge Fotografie also mindestens genauso kostspielig, wie digitale Fotografie – je nach Ausrüstung und Hang dazu an G.A.S. ( Gear Acquisition Syndrome ) zu erkranken, dabei aber wesentlich risikoreicher und langsamer.
Aber ich habe schon öfter gehört und gelesen, dass gerade das dabei helfen soll, sich mehr Zeit zu nehmen, mehr zu konzentrieren und den Auslöser wirklich erst zu drucken, wenn man der Meinung ist, alles stimmt.
Ich meine, herrje, die Balda Juwella hat, wie zum Fertigungszeitpunkt üblich, einen Brilliantsucher!
Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie einen Brilliantsucher gibt!
Durch diesen Sucher einen Bildausschnitt zu sehen und einzurichten birgt einiges an Herausforderung!
Ich muss mich erstmal dran gewöhnen, dass ich nicht den genauen Bildausschnitt sehe und dass das Bild spiegelverkehrt und, zumindest glaube ich das, verzerrt ist!
Mal schauen, was das wird!
Ich bin gespannt und aufgeregt.
Ich hab' da richtig Bock drauf.
Danke Mama!