21.08.2022
Fünf Schritte zurück - und jetzt?
Ich möchte heute ein bisschen was von meinem Testlauf mit der alten Dame erzählen.
Im letzten Blogpost, „Fünf Schritte zurück – liebe Grüße an Oma!“, hab‘ ich ja geschrieben, dass ich einen Testlauf vor mir habe.
Heute möchte ich dir erzählen, wie der so abgelaufen ist und was passiert ist, als der Schwarz-Weiß-Film voll war.
Das hier wird kein Analog-Blog. Zumindest ist das nicht der Plan. Aber der Blog erzählt, was mich, hauptsächlich in Bezug auf die Fotografie, so umtreibt. Und im Moment find‘ ich das Fotografieren mit dieser alten Kamera einfach unfassbar spannend.
Es ist Donnerstag Abend und die Sonne so langsam auf dem Weg Richtung goldene Stunde. Nicht, dass die Farbe bei schwarz-weiß eine große Rolle spielen würde, aber ich mag, wie in solchen Verhältnissen das Licht durch das Blattwerk der Bäume fällt.
Ich radele in die Ricklinger Masch, da gibt’s Grün und Natur und es ist nicht so weit weg von Zuhause.
Mein erstes Motiv hatte ich schon früher gefunden: dicke Steine im Fluss direkt beim Parkplatz an den Kiesteichen, den man aus Ricklingen erreicht.
Mit der X-T3 hatte ich hier schon früher fotografiert, deshalb habe ich sogar in etwa einen Ausschnitt vor Augen und stelle mein Stativ auf, richte die Balda Juwella ein.
Die gute hat keinen Belichtungsmesser, dafür nutze ich eine App namens „Light Meter“ (nicht kreativ, aber unmissverständlich) von WBPhoto. Simpel aufgebaut.
Man wählt den Film, den man eingelegt hat (die meisten Filme sind in der Datenbank vorhanden), und wählt die Blendenöffnung und erhält den passenden Belichtungswert.
Da die Balda Juwella nur drei vorgesehene fixe Belichtungszeiten hat, 1/25, 1/50 und 1/100 s, muss ich also schauen, mit welcher Blendenöffnung ich überhaupt zurechtkomme.
Entfernung zum Subjekt schätzen und Linse darauf fokussieren.
Und dann kommt das, was wirklich wichtig ist, und aufregend:
Den richtigen Moment abwarten.
Denn, wie bereits erwähnt: jede Auslösung kostet bares Geld, und es sind nur echt wenige Auslösungen auf so einem Film!
Ich stehe neben meinem Stativ und beobachte, wie das Licht, die Sonne wandert. Ich möchte einige Lichtflecke auf den Steinen haben, in der Hoffnung, damit die Augen leiten zu können.
Bei Schwarz-Weiß sind Texturen und Licht das wichtigste.
Ich verpasse einen Augenblick , in dem die Steine beleuchtet werden und ärgere mich. Es wird einen Moment dauern, bis die Sonne wieder so durch die Blätter scheint, dass die Steine etwas abbekommen. Sie muss erstmal weiter rumwandern.
Einige Minuten vergehen.
Eine Viertelstunde.
Eine halbe.
Immer wieder schaue ich durch den Brilliantsucher, weiterhin unsicher, ob ich überhaupt den Ausschnitt treffe, den ich will.
Landschaftsfotografie erfordert ohnehin schon Geduld. Aber wenn man dann ganz sicher sein möchte, dass der Schuss im richtigen Augenblick passiert, ohne einen Klick riskieren zu können…
Irgendwann ist die Sonne weit genug gewandert und ich beschließe: jetzt ist der Moment: jetzt betätige ich zum ersten Mal den Hebel, der der Auslöser ist.
Ein kaum spürbares, kaum hörbares Klicken im Inneren der Kamera.
Ich bin aufgeregt. Solch eine Spannung, und dann nur so ein leises „Klick“
Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Aber es ergibt Sinn! Jede Vibration überträgt sich ja natürlich auch auf Linse und Film und bedeutet die Gefahr, das Bild zu verwackeln!
Raus in's Grüne, ausprobieren!
Mit meiner X-T3 habe ich dieses Foto gemacht und direkt ausprobiert, wie das Endergebnis mit der Juwella aussehen könnte.
Die erste Auslösung ist geschafft.
Ich drehe den Film weiter und begebe mich auf den Weg, sieben weitere zu machen. Von denen ich drei übrigens doppelt mache, weil ich so grandiose Anfängerfehler mache, wie nicht auf den Fokus achten oder die Kamera nicht so weit aufklappen, dass sie einrastet.
Aus eigener Erfahrung kann ich jetzt also berichten, dass dadurch die Linse schief steht und sich das auf die Fokusebene auswirkt.
Aber immerhin, ich habe mächtigen Spaß bei dem Testlauf. Ich weiß an diesem Punkt noch nicht, ob alles klappt, oder nicht, aber das ist mir auch mehr oder weniger egal. Es macht einfach Freude.
Ich habe sieben Auslösungen hinter mir. Der Film ist voll.
Aufrollen, aus der Kamera nehmen und weg zur Entwicklung.
Die Blaue Brücke an den Ricklinger Kiesteichen, ein weiteres Motiv für meinen Testlauf
Und noch eine Probeaufnahme mit der X-T3
Aber wer entwickelt heute noch solchen Film?
Neben dem Fotolabor deiner Wahl tatsächlich sogar deine Drogerie des Vertrauens!
Ich habe dafür eine Rossmann-Filiale gewählt, weil ich zumindest von dem Unternehmen schon früher meine Filme habe entwickeln lassen und damit zufrieden war.
Ob sie ein eigenes Labor haben, oder nicht, weiß ich nicht, vermute aber, dass sie nur Vermittler zwischen Kunden und Labor sind.
Ich habe auf der Filmtasche angegeben, dass der Film bitte nur entwickelt und nicht geschnitten werden sollte.
Sobald ich einen Scanner habe, möchte ich selber aussuchen, was ich gescannt und dann gedruckt haben möchte.
Ich war gespannt, ob der Film noch entwickelt und dabei diese Wünsche berücksichtigt werden würden und wie lange das ganze dauert.
Der tägliche Blick in den Auftragsstatus war Programm und nach gut zwei Wochen kam die Meldung, der Film habe das Labor verlassen.
Bei der Abholung in der Drogerie dann die freudige Erkenntnis:
Der Film ist einwandfrei entwickelt, nicht geschnitten, sondern aufgerollt zum Schutz in eine leere 35mm-Filmdose gesteckt (passt nicht ganz, bietet aber zumindest etwas mehr Schutz) und sehr zu meiner Freude würde auch der Wunsch, keine Fotos davon zu drucken berücksichtigt. Die hatte ich sonst noch mit bezahlen müssen, ohne sie zu wollen.
So hat mich der Spaß (Stand Juli 2022) gerade mal 3.50€ gekostet.
Der Film geht einfach in die Entwicklungstasche
Meine Sonderwünsche in den Anmerkungen wurden einwandfrei erfüllt.
So habe ich den Film zurückbekommen: ungeschnitten, aufgerollt in einer leeren Filmdose.
Was jetzt fehlt, sind die Fotos in Digital auf meinem Rechner, damit ich sie bei Bedarf drücken kann.
Wie man auf analogem Weg von einem Negativ-Dia zu einem positiven Druck kommt, weiß ich nicht.
Auf digitalem Weg ist der nächste Schritt üblicherweise ein Negativ-Scanner, der die Aufnahme digitalisiert.
Aber so ein Gerät habe ich nicht. Noch nicht. Ich arbeite dran. Trotzdem konnte ich nicht warten, bis ich die Negative gescannt bekomme und habe mir eine möglicherweise etwas unorthodoxe, aber zumindest funktionierende Möglichkeit überlegt:
Ich hab‘ einfach mein Smartphone als Lichttisch benutzt und das Scannen meiner X-T3 überlassen!
Natürlich liegt das negativ nicht perfekt flach auf, auch wenn ich es liebevoll mit Tesafilm am Telefon fixiert habe.
Aber es hat funktioniert!
Ich habe die einzelnen “Dias“ auf den weiß leuchtenden Bildschirm gelegt, festgeklebt, meine Kamera mit Stativ möglichst senkrecht darüber platziert und dann fotografiert.
Wie gesagt: mächtig zurecht gepfuscht, aber es hat geklappt!
Die Fotos habe ich dann einfach von der Kamera auf mein Smartphone geschickt und, weil es ja Negative waren, mithilfe der App „Negative Image“ von firisoft in’s positiv umgekehrt.
Sobald ich einen Scanner habe, nur ich dafür sicherlich meinen Rechner, aber um meine Neugier zu stillen, sollte mir dieser Weg reichen.
In der Galerie hier drunter siehst du einige der Negative, abfotografiert und auf's Telefon gesendet, und die jeweiligen Positive, gegebenenfalls mit ein bisschen fixer Entwicklung in Snapseed.
So sieht der fertig entwickelte S/W-Negativfilm aus
Unorthodox, aber gerade gut genug, um die erste Neugier zu stillen, bis ein richtiger Scanner im Haus ist.
Erleichterung.
Die Kamera funktioniert.
Und wie es aussieht, hat sie keine Löcher im Faltenbalg und belichtet korrekt.
Jetzt gilt es, zu lernen, den richtigen Ausschnitt zu finden und die Fokus-Entfernung richtig einzustellen.
Und um das zu üben werde ich die alte Dame künftig etwas öfter ausführen.
Die ist inzwischen schon mit uns nach Schottland gefahren und hat dort die ersten zwei Filme Kodak Ektachrome 100 belichtet.
Die Dias sehen soweit gut aus, aber darum soll es ein anderes Mal gehen.
Der Artikel ist schon lang genug und vermutlich der längste, den ich je verfasst habe.
Respekt für’s durchlesen!
Tl;dr:
Kamera funktioniert, ich bin glücklich!